Sonntag, 10. April 2011

"Man muss nicht ständig alles korrigieren."


"Unser Minivan stand in der Garage und mein VW-Cabrio in der Einfahrt. Jai fuhr den Van heraus und dachte nicht daran, dass  das andere Auto im Weg stand: krach, bum, peng!
Jai verbrachte den ganzen Tag mit verzweifelten Proben, wie sie mir das alles erklären sollte, wenn ich nach Hause komme.
Zuerst einmal hielt sie es für das beste, die richtige Atmosphäre für den Moment ihrer Beichte zu schaffen. Sie fuhr beide Autos in die Garage und stellte sicher, dass das Garagentor geschlossen war. Sie zirpte süßer als sonst um mich herum, als ich heimkam, und fragte nach jedem Detail aus meinem Tag. Sie legte Schmusemusik auf. Sie kochte mir mein Lieblingsgericht. Sie trug zwar kein Negligé - so viel Glück hatte ich denn doch nicht -, tat aber ansonsten alles, um die perfekte, Ehefrau zu geben.
Gegen Ende unseres grandiosen Dinners sagte sie: "Randy, ich muss Dir was sagen. Ich hab ein Auto mit dem anderen Auto zertrümmert."
Ich fragte, wie das geschehen sei, und ließ sie den Schaden schildern. Sie sagte, das Cabrio habe am meisten abgekriegt, aber beide Autos liefen prima. "Willst Du einen Blick in die Garage werfen?", fragte sie.
"Nein, lass uns fertig essen."
Sie war überrascht: Ich war nicht verärgert, es schien mich nicht einmal zu kümmern. Sie sollte bald erfahren, dass meine zivilisierte Reaktion nur meinem Elternhaus zu verdanken war. 
Nach dem Essen sahen wir uns die Autos an. Ich zuckte lediglich die Achseln und konnte sehen, wie ein ganzer Tag voller Ängste einfach abfiel von Jai. "Morgen früh", versprach sie, "lass ich die Reparaturkosten schätzen." Ich sagte, das sei nicht nötig. Die Beulen seien okay. Meine Eltern hatten mir beigebracht, dass Autos zu nichts anderem da sind als einen von A nach B zu bringen. Sie sind Gebrauchsgegenstände und keine Statussymbole. Deshalb konnte ich Jai leichten Herzens erklären, dass wir keine kosmetischen Reparaturen bräuchten. Wir könnten gut mit Schrammen und Dellen leben.
Jai war ein wenig schockiert. "Wir werden wirklich in zerbeulten Autos herumfahren?"
"Na ja, Jai", sagte ich, "du kannst nicht nur ein bisschen von mir haben. Du magst den Teil von mir, der sich nicht ärgert, wenn zwei "Dinge" aus unserem Besitz beschädigt wurden. Die Kehrseite dieser Medaille ist meine Überzeugung, dass man Dinge nicht zu reparieren braucht, solange sie tun, was sie tun sollen. Die Autos fahren noch. Also lass sie uns einfach fahren."

Okay, vielleicht lässt mich das schrullig erscheinen. Aber wenn dein Mülleimer oder deine Schubkarre eine Beule hat, kaufst du doch auch nicht gleich neue. Vielleicht, weil wir Mülleimer und Schubkarren anderen nicht als Statussymbole oder Ausdrucksformen unserer Identität vorführen? Unsere zerbeulten Autos wurden jedenfalls zu einem Symbol für uns und zu einem Statement für unsere Ehe. 
Man muss nicht ständig alles korrigieren. ..."


Als ich dieses Kapitel gelesen hatte, hätte ich Randy Pausch küssen mögen! Wie oft musste ich mir anhören, dass ich wohl nicht ganz dicht sei, dass kein Mensch auf der Welt solch verschrobenen und absurden Einstellungen zu den verschiedensten Dingen des Lebens hätte wie ich. In meiner Kindheit, meiner Jugend, bis heute. Manchmal dachte ich schon selbst, ich sei nicht normal. Am anderen Ende der Welt gibt (bzw. gab) es jemanden, der genau so denkt wie ich. Vielleicht sind gar nicht wir es, vielleicht sind es die anderen, die nicht "richtig" ticken? ...

Als ich noch ein Auto besaß, habe ich das immer mal wieder verliehen. An Freunde, Bekannte, Nachbarn, Kollegen, wer auch immer es brauchte. Und ich habe es nie mit einem "unguten Gefühl" weggegeben. Und es gab immer wieder andere Leute, Freunde, Bekannte, Nachbarn, Kollegen, die verständnislos den Kopf schüttelten: "Du kannst doch nicht einfach dein Auto verleihen. Was, wenn derjenige eine Beule hineinfährt oder Schlimmeres?" "Das kann doch jedem jederzeit passieren. Auch mir. Macht es einen Unterschied, WER eine Beule hineinfährt? Bleibt das Ergebnis, nämlich eine Beule im Auto zu haben, nicht das gleiche?" (Jeder der diese "Auto-Diskussion" schon einmal mit mir geführt hat und hier mitliest, wird jetzt vermutlich grinsend mit dem Kopf nicken.) 

Mein Leben ist zu kurz, um mich über eine lächerliche Beule in einem leblosen Gegenstand, der zudem mit und ohne Beule seine Funktion einwandfrei erfüllt, aufzuregen. (Das ist metaphorisch gemeint und betrifft natürlich nicht nur verbeulte Autos.)

Gibt es da draußen noch mehr von uns? Ich bin bisher leider noch keinem begegnet ...

Kommentare:

  1. Liebe Bea, es gibt diese Menschen durchaus. Allerdings erfordert es Mut, sich gegen diverse Konventionen zu stellen und mit "Fehlern" zu leben. Vielen fällt das schwer, weil es oftmals so einfach ist, Fehler zu kaschieren und nach außen hin "perfekt" zu sein.

    Mein Auto hat von irgendjemandem (vielen Dank dafür!) eine Schlüsselschramme abbekommen und fährt nur noch mit drei Radzierblenden. Mein Lieblingsstofftier (ja, ich habe eins!) ist über zwanzig Jahre alt und ich habe ihm in meiner Kindheit diverse Beine, Arme und Ohren abgerissen, die liebevoll wieder angenäht wurden.

    Aber gerade wegen dieser "Fehler" mag ich manche Dinge (und auch Menschen!) ganz besonders. Weil sie eben nicht 0815 sind und auch ihre Ecken und Kanten haben.

    Allerdings - das gebe ich auch zu - ist der erste "Fehler" einer, der erstmal weh tut, bis man bemerkt, wie dumm es eigentlich ist, sich über so eine Oberflächlichkeit aufzuregen. Da arbeite ich aber noch dran ;)

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  2. Liebe Lena,
    ich danke Dir sehr für diesen Kommentar.
    Wenn ich sehe, wie viele Menschen um mich herum (die meisten eigentlich) in diesen Konventionen gefangen sind, gruselt es mich und ich empfinde vor allem eins: Mitleid. Mitleid deshalb, weil diese Menschen, anstatt sie selbst zu sein und ihr Leben nach ihren eigenen Wünschen und Träumen zu leben, ihre so wertvolle, weil doch arg begrenzte, Lebenszeit damit verbringen, bloß nicht gegen irgendwelche Konventionen zu verstoßen. Auch ich bin kein Eremit, auch ich halte mich an Konventionen. Aber nicht blind. Und nicht bedingungslos.

    Ich glaube, die meisten Menschen regen sich über solche "Fehler" wie einen Kratzer im Lack, nur auf, damit sie nicht nicht über die wirklichen Fehler, die in sich selbst, nachdenken müssen.

    Ich finde es gut, dass Du daran arbeitest - zeigt es doch, dass Du noch nicht "verloren" bist. ;-)

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  3. Hm, schwierig. Ich habe Gegenstände, bei denen mich die kleinste Macke stört und solche, wo es mir völlig egal ist. Uhd das hat in der Regel mit meiner emotionalen Bindung zu ihnen zu tun und nicht mit irgendwelchen Statussymbolsachen.

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  4. Citara,
    das hatte ich mit dem Beitrag auch nicht gemeint. Das mit der emotionalen Bindung zu bestimmten Dingen hat nichts damit zu tun, solche Dinge habe ich auch und ich finde, die sollte jeder haben.

    Ist Dir schon einmal aufgefallen, dass viele Menschen mit ihren Autos wesentlich pfleglicher umgehen als mit ihrem eigenen Körper? Die meisten wissen sogar mehr darüber, wie so ein Auto funktioniert als darüber wie ihr Körper funktioniert. Ist das nicht erschreckend?

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  5. Die meisten wissen mehr darüber, wie ein Auto funktioniert, als über ihrn Körper? Kann ich mir irgendwie nicht vorstellen. Ich kenn jedenfalls keinen - mal abgesehen von denen, die von Berufswegen ein Auto in und auswendig kennen müssen.

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  6. Wirklich? Kann ich gar nicht glauben!
    Also wenn ich mal in meinem Bekannten-, Kollegen-, Familien- und Freundeskreis fragen würde, wer mir denn z. B. sagen kann, wozu die Galle (Leber, Bauchspeicheldrüse usw. usf.) da ist und welche Funktionen die einzelnen Organe im Körper haben, würde kaum jemand die Hand heben. Wie ein Motor funktioniert wüssten dagegen zumindest fast alle Junx. Und selbst wenn nicht, würden sie im Falle eines Defektes unverzüglich die nächste Werkstatt aufsuchen. Wenn´s im Körper zwickt, würde dagegen kaum ein Mann gleich zum Arzt gehen. Da wird dann gerne erstmal abgewartet. Und wenn ich sehe, mit wie viel Liebe manche Menschen ihr Auto pflegen, selbst aber eher ungepflegt (äußerlich, aber viel mehr noch innerlich) daherkommen, erschreckt mich das schon sehr.

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  7. Ich glaube der Knackpunkt ist einfach, dass der Großteil wert darauf legt, von anderen anerkannt zu werden - und nicht, mit sich selber im Reinen zu sein.
    Selbstreflexion ist für viele eine zu anstrengende Sache und man munkelt auch, dass nicht jeder dazu in der Lage sei (würde ich so tatsächlich unterschreiben).
    Im Großen und Ganzen haben Konventionen ja ihre Vorteile und gestalten das Leben einfacher, aber ich stimme dir in vieler Hinsicht zu, Bea - viele Leute kümmern sich um die falschen Dinge.

    An sich selbst kann und sollte man halt ein Leben lang arbeiten :)
    [Und ich sollte mein Auto mal in die Waschstraße bringen...^^]

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  8. That´s it! Das unterschreibe ich sofort.

    Außer das mit deinem Auto. Das kann ich nicht beurteilen. ;-)

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  9. Schön das zu lesen, das sollte ich mal meinem mann vorlegen, den bringen schon miene Kekskrümel im Auto jedes mal zur Weißglut, von beulen will ich da gar nicht erst sprechen,, baer wahrscheinlich ticken wir Frauen da eh anders

    Einen schönen Sonntag wünsche ich dir noch. Liebe Grüße Shoushou

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  10. Man(n) sollte sich einfach immer fragen, ob es im Leben nicht wichtigeres gibt als Kekskrümel oder Kratzer im Lack. ;-)

    Einen schönen Sonntagabend! :-)

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  11. Ich habe mein Auto, als ich noch ein eigenes hatte, immer gern verliehen. Nicht an jeden, aber an gute Freunde oder auch Nachbarinnen allemal. Da war jemand, der gerade eins brauchte, ich hatte eins da stehen, also warum nicht. (Die meisten davon fuhren ohnehin besser, als ich selbst... ;-) ) Aber für mich ist so ein Auto halt auch einfach nur ein Mittel zum Zweck um von A nach B zu kommen. Und kein geliebtes Ding, an dem mein Herz hängt. Hauptsache es fährt.
    Und das es viele Menschen gibt, denen das Wohlergehen ihres fahrbaren Untersatzens wichtiger ist als ihre eigene Gesundheit, das ist mir auch schon aufgefallen. Bei Nahrungsmitteln immer schön billig-billig, ganz egal, welchen Dreck (Dioxin etc.) man da so in sich reinstopft, Hauptsache, es macht satt. Aber sowie ein Sprit auf dem markt kommt, der möglicherweise, ja wirklich nur möglicherweise dem Autochen schaden könnte, da läuft der Autofahrer Amok und kauft lieber das teurere Produkt.

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  12. Ein schöner, nachdenkenswerter Post, liebe Bea und das Buch interessiert mich - habe es mir gleich mal auf Amazon näher angeschaut ;-)
    Für mich sind Autos auch primär Gebrauchsgegenstände - gleichwohl habe ich mich sehr geärgert, als mir jemand in mein Auto, das keine Woche alt war, über eine komplette Seite eine Schlüsselschrammel geritzt hat oder jetzt, wo ich in einer Werkstatt eine schlechte Reparatur bekommen habe, vor Gericht gehen muss um nur möglicherweise den recht hohen Schaden ersetzt zu bekommen...
    ich behandele es gleichwohl pfleglich, denn es ist ein teurer Gegenstand und es rächt sich, nicht gut damit umzugehen (wie auch bei unserem Körper!). Achtsamkeit auf die richtigen Dinge und im richtigen Maß , schön wär's! leider übertreiben manche an den verkehrten Stellen (was aber natürlich immer ein subjektibver Eindruck ist, was denn nun richtig und/oder verkehrt ist :))

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  13. hej mein auto hat seit fünf jahren eine rostende schramme auf der motorhaube ( nachbar hat mir die vorfahrt genommen, bremsen in der engen gasse, hat nichts mehr gebracht).
    ist es deshalb kein auto mehr? fährt es deshalb schlechter?
    nöö es fährt immer noch, hat den TÜV segen bekommen und fährt nun mit beule, ist mir total wurscht, warum soll ich meine karre einnmal die woche durch die waschanlage schieben lassen, ihn danach zwei stunden pollieren. wird es deshalb ein wertvolleres altes auto? nööööööööööö es bleibt ein 10 jahre alter ford. er wird gewaschen wenn er dreckig ist und ausgesagt wenn er es nötig hat. nur weil einige nachbarn alle zwei bis vier jahre eine neue glänzende karre vor der tür haben, die sie hegen und pflegen muss ich doch diesen unsinn nicht mitmachen. es gibt wichtige sachen im leben als ein neues sauberes auto.
    gemütlichkeit, spass haben, gute freunde, familie, zum beispiel.

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