Donnerstag, 16. September 2010

Kultursterben in Kiel


Zum Ende des Jahres 2010 sollen die Stadtgalerie Kiel sowie das KulturForum Kiel geschlossen werden. Zwei Orte, die für mich persönlich sehr wichtig geworden sind, seit ich vor knapp zwei Jahren hierher zog. So viele Ausstellungen und kulturelle Veranstaltungen wie in den letzten beiden Jahren, habe ich in den zehn Jahren davor nicht besucht. Und ich bin noch lange nicht satt. Die Nachricht über die geplante Schließung traf mich sehr und sie macht mich wütend.

Warum machen sie die Kunsthochschule nicht auch gleich dicht?



  • 02.09.2010

PROTEST

Kiel droht kultureller Kahlschlag

Gegen die fürs Jahresende geplante Schließung der Stadtgalerie Kiel hat sich ein siegessicherer Förderverein gebildet. Denn der Einspar-Effekt wäre minimal, andererseits ginge eine Institution verloren, deren Renommee in den gesamten Ostseeraum hineinreicht.VON FRANK KEIL

Kulturelles Zentrum unterm Damoklesschwert: die Stadtgalerie in Kiel von innen.Foto: Frank Molter
Wilm Feldt kann sehr deutlich werden. Dann schlägt der Diplom-Ingenieur, der als Projektmanager für eine Bank arbeitet, nicht mehr lässig das rechte Bein über das linke. Dann setzt er sich vielmehr kerzengerade hin und sagt mit fester Stimme: "Wir werden gewinnen, keine Frage." Feldt engagiert sich seit kurzem im Förderverein der Stadtgalerie Kiel. Seitdem hat er viel zu tun: Kiels Oberbürgermeister Torsten Albig hat sich zum Ziel gesetzt das Kunsthaus zum 31. Dezember zu schließen.
Erfahren haben Feldt und seine Mitstreiter davon aus der Zeitung. Dabei liegt die Stadtgalerie im Erdgeschoss des Neuen Rathauses, im Zentrum der Stadt. Der Bürgermeister hätte also nur die sehr breite Treppe hinuntergehen müssen, um dieses Vorhaben persönlich mitzuteilen. "Da kommt natürlich Freude auf", sagt Feldt.
Wo soll man anfangen, die Aktivitäten der Stadtgalerie zu loben? Was alles anführen an lokalen, überregionalen bis internationalen Kunstausstellungen? Vielleicht nur dies: Seit Jahren richtet das Haus die "Ars Baltica" aus, die wichtigste Kunstschau des Ostseeraums. Nebenbei wob sie ein dichtes Netz aus Künstlern und Künstlergruppen von Trondheim über Kopenhagen bis Vilnius und St. Petersburg und eben Kiel. Seit Jahren ist sie erfolgreich im Auftreiben von Sponsorengeldern und Kooperationspartnern.
Trotz schwieriger Bedingungen: Der Ausstellungsetat hat sich allein in den letzten Jahren halbiert. Der Etat für Ankäufe, einst 90.000 D-Mark, ist bei 7.000 Euro angekommen. Sollte das Haus schließen, würden 80.000 Euro pro Jahr gespart. Kiel möchte seinen Etat im nächsten Jahr um zehn Millionen Euro entlasten.
Geschlossen werden soll bei der Gelegenheit auch das Kulturforum, ein benachbarter, fensterloser Raum mit Stuhlreihen, einer Bühne plus Ton- und Lichtanlage. Betrieben wird es vom Kulturamt der Stadt. Hier tritt die Jazzsängerin Lyambiko auf; hier liest der Erfolgsautor Kristof Magnusson.
Auch die Vorsitzende des Fördervereins für das Kulturforums klagt über mangelnde Kommunikation: "Es redet ja niemand mit uns", sagt Christine Kreß-Lindenberg. "Erst recht nicht über Inhalte. Dabei sind wir seit zwei Jahren dabei, Vorschläge zu erarbeiten, wie es trotz knapper Gelder weitergehen könnte." Von drei Stellen hat die Stadt das Personal auf zuletzt eine und eine Viertel Stelle heruntergekürzt. Sinnigerweise wurde im Sommer eine neue Kraft eingestellt, die die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit der Stadtgalerie mit dem Kulturforum, damit von Bildender Kunst, Theater und Musik ausloten soll. Das wäre dann nicht mehr nötig.
Geschlossen werden muss dann auch der Ehmsen-Saal, der sich den Räumen der Stadtgalerie anschließt: eine Bibliothek nebst Archiv und Depot. Heinrich Ehmsen, geboren 1886 in Kiel, Mitstreiter des Blauen Reiters, ist einer der wenigen Maler, auf den die Stadt stolz sein kann. Auch Ehmsens Enkeltochter Gabriele Ehmsen, die in Wien lebt, aber gerade in Berlin weilt und die sich jüngst die fünf Ehmsen-Bilder angeschaut hat, die in der Nationalgalerie hängen, hat ebenso von der Schließung aus der Zeitung erfahren.
Finanziell geht es erstmal um ganze 4.400 Euro, die die Stadt der Stiftung bisher jährlich zukommen lässt. Sollte der Saal geschlossen werden, würde die Stiftung ebenso ihren Sitz verlieren. "Man kann sich gut vorstellen, wie das auf die Kieler Bürger wirkt, in deren Villen manche Werke hängen, die man vielleicht später der Stadt überantworten könnte", kommentiert dies Feldt. Dazu kommt, dass erst vor zwei Jahren jener Saal mit städtischen Geldern umgebaut wurde. Gekostet hat das 400.000 Euro.
Vorne, im Eingangsbereich, gibt es dann noch das Statt-Café, das selbst mit einer kleinen Jazzreihe aufwartet. Dessen Betreiber Frank Müller, der kraft seines Jobs rechnen kann, weiß, was auf ihn zukommt: "Das ist eine Art indirekte Kündigung, denn wir leben von den Gästen, die sich in der Stadtgalerie eine Ausstellung angeschaut haben oder die nach einem Konzert noch etwas trinken oder essen möchten."
Er zeigt auf das ausladende Foyer, auf die Skulpturen, die sich einem freundlich in den Weg stellen, auf den benachbarten Bilder-Ausleihdienst und auf den Aufgang zur Stadtbücherei, die im ersten Stock dann sehr einsam residieren würde: "Das Haus hier bildet für Kieler Verhältnisse ein einzigartiges Ensembles aus Kultureinrichtungen", sagt Müller. Verschwinden würde auch der seitlich angebrachte Kunstcontainer, in dem die Studenten der benachbarten Muthesius-Kunsthochschule sich ausprobieren können.
Und die Stadt? "Das ist ja ein sehr umfassendes Thema", haucht die junge Pressereferentin und verspricht, einen Gesprächspartner aufzutreiben. Der ist am nächsten Morgen am Telefon: Gert Meyer, Kulturdezernent und zugleich Kämmerer. Wortreich beschreibt er die bedrückende finanzielle Situation der Stadt, die einen zu solchen Schließungen zwinge. Er spricht von den Finanzen, die im Mittelpunkt ständen. Fachlich lobt er die Stadtgalerie ohne Wenn und Aber: "Das ist ein großer Schatz, der da verloren geht."
Kurzfristig ergebe sich nur ein geringer Einspareffekt, langfristig könnte aber Personal abgebaut werden, so dass andere Dienststellen in die Räume umziehen könnten. "Da beabsichtigt ist, durch Pensionierung frei werdende Stellen nicht wieder zu besetzen, hätte die Stadtgalerie in vier, fünf, sechs Jahren ohnehin kein Personal mehr und wäre dann auch so nicht mehr handlungsfähig", sagt er. Konkrete Pläne, was mit den leer stehenden Flächen ab Januar geschehen würde, gibt es nicht. Sie würden erstmal leer stehen, bezahlt, bewacht und beheizt.
Und nun? Oberbürgermeister Torsten Albig gilt als hemdsärmeliger Macher, der die Konfrontation sucht und genießt. "Neulich hat Albig bei einer Diskussion in der Kunsthalle den Bürgern, die sich seit Jahr und Tag engagieren, die fortlaufend Gelder auftreiben und selbst welche geben, vorgehalten, sie sollten aufhören zu jammern und lieber etwas tun. Das kam gar nicht gut", erzählt Wilm Feldt. Von der CDU, die schon zu ihrer Regierungszeit das Haus schließen wollte, ist wenig zu erwarten. Die Grünen haben mit der regierenden SPD einen Kooperationsvertrag geschlossen - und könnten wie gewohnt stillhalten.
So wird es an Feldt und den Seinen und auf Christine Kreß-Lindenberg und die Ihren ankommen, ob sie es vermögen, flankierend zu den Haushaltsberatungen ab Herbst genügend öffentlichen Druck aufzubauen. Feldt sagt: "Die Überschrift lautet: Rücknahme der Schließung. Die Unterzeile: Daseinsschutz für die nächsten fünf Jahre, damit wir vernünftig ein Zukunftsmodell entwickeln können." Er sagt: "Die Stadt erwartet professionelles Arbeiten - wir erwarten professionelle Rahmenbedingungen." Feldt sagt: "Zum Leben eines Bürgers gehört Kunst. Punkt!"
Als die Beamten und Verantwortlichen der Stadt Kiel in den Fünfzigern anfingen, Kunst zu sammeln und so einen ersten Grundstock für die spätere Stadtgalerie schufen, taten sie dies, um ihre Arbeits- und Büroräume zu dekorieren und zu schmücken. Dass ihnen selbst dieser Eigennutz abhanden gekommen ist, ist ein fatales Zeichen.

Quelle: www.taz.de


Es gibt eine Petition gegen die Schließung der Stadtgalerie. Je mehr Unterschriften zusammenkommen, desto höher die Erfolgsaussichten. Unterschreiben kann man hier --->  Klick!

Kommentare:

  1. wennn man den beitrag der taz so liest, fällt mir persönlich sofort der sachverhalt auf, das sich unsere gewählten volksvertreter, ausnahmslos, benehmen wie kleine fürsten. so nach dem motte,
    "ich bin könig in meinem reich, ich habe beschlossen".
    einerseits ein großen batzen geld für ein oft sinnloses vorhaben verschleudern, dafür aber an kleinen geldposten herumschnippeln oder ganz wegfallen lassen.
    danach klopfen sich die herren und damen wieder gegenseitig, bei einem festlichen empfang auf die schulter, wie sie doch den haushalt saniert haben, ha ha

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  2. Das geht wahrscheinlicj rum dies Art von STerbehilfe . Bei uns wollte man tatsächlich schonmal aus Kostengründen das einzig eTheater schließen, aber da war dann Schluss mit lustig.

    Findet ihr nicht zum kollektiven Protest? Manchmal hilft das wirklich, wir haben es auch geschafft.

    LG Shoushou

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  3. riese,
    es ist wirklich zum Kotzen!

    Shoushou,
    ich hoffe sehr, dass das Ruder nochmal rumgerissen werden kann.

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  4. Was soll man auch mit Kultur...

    Ich hoffe, euer Protest hat Erfolg!!!

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  5. Entschuldigung, aber wer bitte hat denen denn ins Hirn geschissen, solche Einrichtungen dicht zu machen?!? Für mich völlig unverständlich!

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  6. Judith, Kultur is nur was für Leute die nix Besseres zu tun haben. Ich hab oft nix Besseres zu tun!!!

    Mary Malloy,
    ich kapier´s auch nicht.

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  7. In Köln wurden vor ein paar Jahren auch viele Gelder für Kultur gestrichen. Stattdessen eine U-Bahnbau, den niemand wirklich braucht. Zu allem Übel ist dadurch ja auch noch das Stadtarchiv baden gegangen.
    Die Kleinkunst nagt ständig am Hungertuch. Die Subkultur muss gucken wo sie bleibt.
    Aber Stuttgart21 und Atommeiler sind wichtig. Zeit für einen Wexel!

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  8. Es ist ein einziger Skandal. Wie kann eine Stadt sich selber so ein Armutszeugnis ausstellen? Was macht denn eine Stadt zur Stadt? Kunst, Kultur, Buntheit. In welche Tiefen soll die Gesellschaft noch absinken, die Kinder verdummen und später verrohen, wenn es keine geistige, kulturelle Bildung mehr gibt. Klar können si die Kunsthochschule gleich mit dicht machen, denn wofür soll man noch Kunst studieren, lach....wir Musiker haben ja auch keine Auftrittsmöglichkeiten mehr.
    Flächen leerstehen lassen...ich fasse es nicht. Das ist doch mal wieder typisch für diese Misswirtschaft. Wenn das Stadtcafé weg ist, was gibt es dann bitteschön noch??? Es ist ein super Ort mit toller Atmosphäre, an dem richtig was los ist (das ist relativ, es ist wenig genug los, durch unsere allgemeine Verkabelung gehen wir ja alle nicht mehr so richtig aus). Eine der letzten guten -belebten-Kneipen. Ich liebe Kiel so sehr, aber irgendwann kann ich genauso gut irgendwo aufs Dorf ziehen, denn versäumen tut man hier nichts mehr, in der ja sowieso nicht sehr berauschenden Kieler Innenstadt, in der Woolworth, H&M, Deichmann und die mega-attraktiven Ein-Euro-Shops das Straßenbild bestimmen. Und was hätten wir mit der göttlichen Lage für Möglichkeiten!!! Wo liegen schon Schiffe mitten in der Stadt rum. Was könnte man daraus machen....es ist ein Jammer.

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  9. Es ist wirklich zum Kotzen!

    Ich hab mir überlegt, dass man, statt die Räume leer stehen zu lassen, da doch wunderbar eine Mega-Spielhalle einziehen lassen kann. Da können unsere Kinder dann den ganzen Tag Ballerspiele spielen. Und Miete kommt auch noch rein. Und beim StattCafé lassen wir eine MäcFress-Filiale einziehen ...

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  10. Ich weiß nicht was ich sagen soll... ich bin wütend, entsetzt, todtraurig. Das kann einfach nicht wahr sein!

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  11. Anonym,
    so geht es mir auch. Ich finde das unglaublich. Und unmöglich!

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