Montag, 6. September 2010

Warum habe ich das gemacht?

Ganz so, wie ich es gestern hier schrieb, war es nicht. Obwohl es gestern für mich so war, als wäre es so gewesen. Gestern. Heute habe ich realisiert, dass es irgendwie doch anders war. Ganz anders. Irgendwann letzte Nacht ging es los und es hat mich nicht mehr schlafen lassen. Und es wird von Stunde zu Stunde schlimmer. Die Erkenntnis, dass es kein bisschen so war, wie ich es gestern hier schrieb. Es ist so irreal irgendwie und ich habe das Gefühl, wenn ich versuche, die Situation sachlich zu überdenken, werde ich möglicherweise durchdrehen. Also versuche ich, nicht dran zu denken, was mir aber nicht gelingt. Es ist so unglaublich und es erschüttert mich und es macht mir Angst. Und am liebsten wäre mir, ich hätte das nur geträumt. Oder es wäre so gewesen, wie ich es gestern schrieb. Ich schreibe wirr? Ja, ich fühle mich auch wirr.

Als ich gestern den Cache an den stillgelegten Bahngleisen suchen wollte, führte mein Navi mich in eine Schrebergartenanlage. Auf einer Art Wildwiese parkte ich mein Fahrrad, um von dort zu Fuß in Richtung Gleisanlage weiter zu gehen. Die Anlage war einmal durch einen Zaun von der Wiese getrennt gewesen, aber jetzt fehlt dort ein großes Stück Zaun, so dass man ungehindert den "Schotterwall" (ich weiß nicht, wie man das nennt) hoch auf die Gleise klettern kann. Spätestens da hätten alle Alarmglocken läuten müssen, aber ich war so auf "meine Sache" konzentriert, dass bei mir überhaupt nix läutete. Ich hatte nur im Kopf: (stillgelegte) Gleisanlage, GPS - Richtung verfolgen. Sonst nix. Eine Gleisanlage war vorhanden und mein GPS wies mir die Richtung. Soweit alles ok. Also marschierte ich los. Schon nach wenigen Metern machte sich ein merkwürdiges Gefühl in mir breit, ich konnte das aber nicht einsortieren. Irgendwas war komisch. So, als wenn man irgendwo lang geht und das Gefühl hat, jemand würde einem hinterher gehen, aber wenn man sich  umdreht, ist da niemand. Nur dieses Gefühl. So ging ich noch ein ganzes Stück weiter. Dann fing das GPS an zu spinnen. Zeigte immer wieder in genau die entgegengesetzte Richtung und wenn ich dann umdrehte, wieder in die andere. Die ganze Situation nervte mich schon ziemlich ab, erst die erfolglose Suche der anderen Caches, nun ein spinnendes GPS, aber ich wollte nicht aufgeben und ging weiter.

Ich habe keine Ahnung was mich dazu brachte, aber irgendwann drehte ich mich abrupt um 90 Grad und kletterte den Schotterwall auf der anderen Seite herunter. In diesem Moment knallte auch schon der Zug an mir vorbei. Ich hab nur gedacht, dass der aber ganz schön laut ist. Und schnell. Sonst dachte ich nichts. Als ich weiterging, bemerkte ich, dass ich auf alten Bahnschwellen laufe, rechts und links verrostete Gleise, rundherum mit teilweise kniehohem Gras und Gestrüpp bewachsen. Das war die stillgelegte Gleisanlage. Ich lief dort noch ein bisschen herum und versuchte, aus meinem Navi schlau zu werden, was mir aber nicht gelang. Ich beschloss, nach Hause zu fahren, ging zurück bis zu dem kaputten Zaun, überquerte die Gleise und fuhr.

Zuhause schrieb ich dann meinen Blogbeitrag. Alles war gut. Ok, ich war nicht sonderlich erfolgreich gewesen, aber es war alles ok. Ich hatte zwischenzeitlich in einem Forum für Geocacher nach Leuten gesucht, von deren Erfahrungen ich vielleicht profitieren könnte, habe Fragen gestellt, Kontakte geknüpft und mich sogar zu einer "geführten" Tour verabredet. Alles war gut. Bis letzte Nacht. Ich hätte nicht sagen können, was plötzlich los war, ich war unruhig, nervös, fühlte mich überhaupt nicht gut und konnte nicht schlafen. Irgendwas wollte in mein Hirn, aber es kam nicht wirklich rein. Auf dem Weg zum Dienst hatte ich schon nur noch den einen Gedanken: "Was war da gestern nur passiert?" und der verfolgte mich auch weiterhin.

Stück für Stück nähere ich mich der Erkenntnis. Und dabei will ich es lieber gar nicht wissen. Die Fakten sind mir bekannt, aber ich lasse sie irgendwie nicht in mein Bewusstsein. Und jetzt sitze ich hier, heule und habe Angst, dass es mich umhauen wird.

Warum habe ich das nur gemacht? Und warum habe ich nicht eine einzige Sekunde darüber nachgedacht, was ich da überhaupt gerade mache? 

Ich stand weder unter Alkoholeinfluss noch unter sonstigen Drogen. Ich bin ein schon fast übervorsichtiger Mensch und ein Schisser vor dem Herrn. Ich würde niemals auf die Idee kommen, Achterbahn zu fahren, Fallschirm zu springen oder sonst irgendwas zu machen, das auch nur im Ansatz gefährlich sein könnte. Ich hab sogar manchmal Angst mit dem Auto über die Autobahn zu fahren. Wo war meine Angst gestern?


Kommentare:

  1. Dein innerliches Notrufsignal hat aber so gut "funktionniert", dass dein GPS anfing zu spinnen...und dich von dem herannahenden Zug wegzog. Gut.
    SabrinaS, eine stille Leserin

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  2. Liebe Bea ..die ganze Sitiation gestern und das was fast passieren hätte können , dringt jetzt erst so richtig in dein Bewusstsein ....und das ist wohl das was Dir im Moment so zu schaffen macht! Versuch nicht weiter darüber nachzudenken wenn es Dich plagt!
    Sei ganz sehr lieb gegrüsst du Abenteuerin:-)

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  3. Vielleicht hattest Du einfach mal das Bedürfnis nach etwas Adrenalin. Mag jetzt doof klingen, aber viele dürften in ihrer Erinnerung Momente haben, von denen sie sich fragen, welcher Teufel sie da geritten hat. Dass Du nach dem Zug nicht viel nachgedacht oder gefühlt hast, könnte wiederum eine Art Schock sein. Versuch das nicht überzubewerten, ich klink hin und wieder mal a bissrl aus, kennste ja ;-) Fühl Dich auf jeden Fall ganz doll geknuddelt.

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  4. Genau, ich seh das auch so wie Diana , dass deine anfängliche "Lässigkeit" eine Art Schock/Selbstschutz war.

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  5. Oh du meine Güte, Bea!!!

    Das ist mir mal an einer roten Ampel passiert.
    Ich dachte, was hupt der Idiot so doll und rast dann auch noch so dicht an mir vorbei!

    Bis ich auf der anderen Seite dann merkte, dass ICH ja rot hatte...

    Tief in Gedanken!
    Willkommen in Irrenhausen...

    Liebe Grüße

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  6. Lass nicht zu, dass dein Unterbewusstesein die Oberhand gewinnt. Das Leben ist schön, du bist es auch. *drückdich*

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  7. Beahasi,
    meine Vermutung ist : alles rechtt neu, interessant, Ehrgeiz da du unbedingt einen Cache finden wolltest, allein muß man sich mehr konzentrieren, vielleicht warst du auch sehr entspannt .... da hat man manchmal so ein - alles andere nehme ich nicht so wahr Ding....
    Soweit zum Geisteszustand.
    Alles ok bei Dir!
    Was dir FAST passiert ist sollte nicht so lange in Dir rumgeistern.... Der Schreck den Du getern ausgeblendet hast ist dir später ziemlich deutlich in die Glieder gefahren.
    Da du ansonsten ein sehr umsichtiger Mensch bist kannst Du dich auf dich verlassen!
    Wo sonst ein Zaun ist und jetzt ein Loch - Sperrgebiet für die Zukunft. Caches sind nie so untergebracht das man über Zäune klettern müßte.
    Also, Scheiße gewesen, Schreck gerechtfertigt aber nichts passiert.

    Hoffe Dir geht es schon wieder etwas besser!
    Denke an Dich und heute abend darfs auch mal ein Glässchen Rotwein sein!

    Liebste Grüße Stevie

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  8. Liebe Bea!
    Dein 7. Sinn hat doch funktioniert! Es ist nichts passiert!
    Dir ist nur im Nachhinein bewußt geworden, was hätte passieren können. Und das erschreckt Dich jetzt und macht Dir Angst - das ist normal, aber nicht nötig!
    Mir tut jetzt direkt mein Kommentar von gestern leid........sorry!
    Ich hoffe, dass Du Dich inzwischen wieder beruhigt hast??!!
    Ein gutes Mantra zum Einschlafen für heute wäre: "Ich, Bea, kann mich auf meine innere Stimme verlassen! Ja, denn es ist nichts passiert!"
    Auch ich drücke Dich jetzt einfach mal, wenn ich darf!
    Einen ganz lieben Gruß und eine hoffentlich gute Nacht!

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  9. Mensch Bea, was machst Du denn für Sachen? Hab das gestern gar nicht gelesen. Ein Glück, dass Dir nichts passiert ist. Klar, der Schreck siitzt Dir noch in den Gliedern, aber das gibt sich bald. Versuch nicht mehr dran zu denken.
    liebe Grüße

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  10. ich glaube, das hat mit diesen ganzen computerartigen geräten zu tun, mit denen wir viel zu eng zusammenleben, und denen wir in uns wegbeamender weise vertrauen. wir geben einfach die verantwortung ab. mit einem navi ist es ja auch so. ich weiss noch die ersten fahrten mit navi, wie schwierig ich es fand, mich dem zu überlassen, ich habe jede ansage in frage gestellt und konnte gar nicht folgen, mittlerweile gebe ich mich ihm total hin. ich kann mir vorstellen, dass es sowas bei dir war, daß deine bewusstseinsschichten sich da irgendwie komisch übereinadergeschoben haben.

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  11. OH MEIN GOTT!

    Heftig. So ein Glück. Mensch!

    Ich hab richtig Gänsehaut.

    Ich bin auch so... Schisser vorm Herrn... Als ich gestern deinen Post las, dachte ich noch, dass ich mich niemals getraut hätte auf Gleise zu klettern.

    Und doch... Ich hab letztens einen LASTER an einer vollübersichtlichen, weitläufigen Kreuzung ÜBERSEHEN. Das konnte ich auch absolut nicht nachvollziehen, denn eigentlich bin ich eine total vorsichtige Fahrerin.

    Darüber nicht mehr nachzudenken wird bestimmt schwierig. Wahrscheinlich wird der Gedanke daran eher nach und nach seltener werden.

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  12. Ein Arzt hat mal zu mir gesagt "Sie sind nur halb im richtigen Leben, deshalb sind Sie so unachtsam." Sie sind nicht voll da.

    Es ist alles noch mal gut gegangen, liebe Bea !!

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  13. so, kennnen wir nicht alle das gefühl, das uns eine imaginäre person beobachtet?
    klar, neben einer gartenanlage durch einen zaun krabbeln? einer oder eine sieht einen immer. so eine anlage ist nie leer.

    und zu der erfahrung mit den caches und der ausschaltung der angst. wer war den auf der jagd? wer wollte denn den erfolg?
    erfolgsdruck, nach dem ersten unerreichbaren cach, den zweiten nicht gefunden, steigert man sich da nicht selber in einen druck hinein, es unbedingt zu wollen?
    menschlich normal.

    und noch was zu thema GPS, abweichungen zwischen zehn und fühnfzehn metern liegen wohl im tolleranzbereich. bei der autofahrt stört einen das gewiss nicht. bei der punktgenauen suche schon eher. diese kleinen dinger bilden aus drei satelitten ein koordinatenkreuz, fehlt nur ein satelit, oder wird sein signal verfälscht (bahnoberleitung oder stromtrasse) steigt logischerweise die abweichung.
    da steht man dann halt zehn meter neben dem punkt.

    aber bleib mal weiter auf der jagd. der erfolg ist deine.

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  14. Danke für Eure Kommentare. Von jedem nehme ich etwas mit. :)

    (riese,
    das hast Du falsch verstanden. Ich bin nicht durch einen Zaun gekrabbelt und ich habe mich auch nicht beobachtet gefühlt. Ich hatte keinen Erfolgsdruck sondern war sehr entspannt. Zu entspannt, wie sich dann ja herausgestellt hat.)

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  15. Ich glaube es geht gar nicht primär um "noch mal gut gegangen"! Ich glaube, es geht darum, wie man seinen Verstand derartig abschalten kann, wie man in einen Zustand gelangen kann, der sämtliche überlebensnotwendige Instinkte bei Seite räumt! Wie in Trance nur ein Ziel verfolgen. Und das würde mir auch Angst machen für die Zukunft! Also das es solche Zustände gibt!

    Aber trotzdem, uff! Noch mal gut gegangen!

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  16. Das ist genau die richtige Beschreibung und genau das macht mir wirklich Angst! Wie soll man sich vor sowas bzw. vor sich selbst (be)schützen?

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